#004: Dem Herzen folgen

Was bedeutet es, dem Herzen zu folgen?

Seit einigen Wochen biete ich einmal in der Woche Musik- und Sprachunterricht für geistig beeinträchtigte Menschen in einer Behinderten-Werkstatt an. Ich hatte zuvor keine großen Berührungspunkte mit diesen Menschen und, ehrlich gesagt, auch keine große Anziehung, mich in diesem Feld zu bewegen.

Alte Überzeugungen wie „Ich bin nicht belastbar genug für so einen Job“, „Meine Musik ist für eine andere Gruppe von Menschen bestimmt“ oder „Ich bin einfach nicht die Richtige dafür“ hielten mich davon ab, eine solche Tätigkeit auch nur in Erwägung zu ziehen.

Sprung ins Unbekannte

Nun kam die Anfrage für diese Kurse vor ein paar Monaten mehrfach zu mir und nachdem ich sie anfangs konsequent von mir gewiesen habe, entschied ich mich, mich für diesen Impuls des Lebens zu öffnen. Ich spürte plötzlich, wie sich etwas in meinem Herzen regte, das flüsterte: „Spring doch mal rein, schau es dir an, erleb dich darin.“

Und so sprang ich.

Kontrollverlust

Ich sprang, folgte dem Ruf Gottes, den mein Herz empfing und der für meinen Verstand keinen Sinn ergab, und tauchte in ein ganz neues Universum ein.

Ganz zu Anfang fühlte ich mich vor und mit den Menschen, die im Grunde alle freundlich und liebenswert sind, völlig verloren.

Die Konzepte und Pläne für die Stunden, die ich mir vorab schrieb, gingen nicht auf. Ich musste mich in jeder Sekunde neu auf die Kursteilnehmer/innen einstellen. Die Besetzung war jede Woche eine andere. Ich konnte anhand ihrer Reaktionen nicht erkennen, ob mein Tun sie gerade erreichte.
Und überhaupt: Was war das Ziel dieser Kurse? Was machte ich dort eigentlich? Ich wusste und fühlte es nicht.
Das alles hatte nichts mit dem zu tun, was ich bereits kannte.

Unsicherheit und Angst brannten in meinem Körper, während ich die Kurse anleitete.
Das ganze Umfeld, das mir keinerlei gewohnte Sicherheiten bot, löste eine alte Panik in mir aus.

Auch in den Räumlichkeiten fühlte ich mich unwohl und musste oft den ganzen restlichen Tag und manchmal sogar die Tage danach intensiv beatmen, was mir dort begegnete.

Ich wurde in der Werkstatt sehr stark darin gefordert, mich meinen Gefühlen zuzuwenden und liebevoll für mich zu sorgen.
Dies war mir auf diese Weise nur möglich, da ich jederzeit um den energetischen und ganz konkreten Rückhalt und die Unterstützung aus der Gemeinschaft wusste. Wenn ich mich verloren fühlte und eine ungetrübte Reflektionsfläche brauchte, konnte ich mich darauf verlassen, dass jemand da war, der mir sein Auge und seine mitfühlende Präsenz schenkte.
Das Leben sorgte für mich.

Das Geschenk der Bewusstwerdung

So geschah im Laufe der Zeit etwas Magisches:
Mit jedem Mal, das ich in der Werkstatt für die geistig und oft auch körperlich beeinträchtigen Menschen war und mit ihnen arbeitete, lernte ich etwas Wesentliches dazu.

Es fühlte sich an, als würde das Leben mich an diesem Ort mental und emotional an meine bisherigen Grenzen führen, um mich hier auf etwas Entscheidendes hinzuweisen und diese Grenzen gezielt zu verschieben – oft ganz subtil, hintergründig und unbemerkt.

Dies war nur möglich, weil ich mich immer wieder entschied, den Gefühlen in mir Raum zu geben und sie einzuladen.

Die Früchte der liebevollen Zuwendung

Das Verhalten, das ich sonst an den Tag legte, funktioniert in diesem Umfeld nicht, also probiere ich mich mit neuen Impulsen aus. Ich erweitere bewusst und unbewusst mein Denk- und Handlungsspektrum.

In der Behinderten-Werkstatt lerne ich zunehmend, klarer und nachdrücklicher in meiner Kommunikation zu sein, mich durchzusetzen und entschieden Grenzen zu ziehen.

Ich lerne, mich von Vorstellungen zu verabschieden, wie die Dinge zu sein haben, und dem Leben stattdessen mit mehr Flexibilität und Hingabe zu begegnen.

Ich erkenne bewertende oder blockierende Denkmuster und wende mich mir selbst noch intensiver und liebevoller zu, weil der außergewöhnliche Kontext es von mir fordert.

Ich lerne außerdem, noch liebevoller und mitfühlender mit meinem Gegenüber zu sein – egal, wie er oder sie gerade ist und mir begegnet.

Was bleibt übrig?

Ich kann es rein logisch vom Verstand her nicht erklären, denn ich bin in diesen Kursen immer wieder auf’s Neue sehr gefordert – doch was übrig bleibt, wenn ich dorthin fühle, ist Freude.

Auf die Frage, ob ich auch beim nächsten Kurszyklus von drei Monaten als Kursleiterin dabei sein möchte, schrie mein Verstand direkt „Nein!“ und lieferte mir zwanzig gute Gründe dafür – doch mein Herz hüpfte und flüsterte: „Ja, bitte.“

Früher wäre ich diesem Ruf meines Herzens vermutlich nicht gefolgt und hätte mich für den Schutzmechanismus meines Verstandes entschieden.

Heute traue ich mich, einen neuen Weg zu gehen.

Dem Leben vertrauen

Ich fühle immer deutlicher: Der größte Wunsch meiner Seele ist es, sich zu entwickeln. Mein Herz unterstützt mich darin, indem es entsprechende Impulse von Gott empfängt, die mich auf diesem Weg leiten.

Meinem Herzen zu folgen, bedeutet nicht, immer nur Freude und Leichtigkeit zu erleben.

Gottes Impulse führen mich dorthin, wo ich mich weiterentwickeln und meine Liebesfähigkeit ausdehnen kann. Dieser Weg hat viele Facetten und Gesichter und ich spüre mittlerweile großes Vertrauen in das Leben, dass ich in all diesen Erlebnissen beschützt und versorgt bin.

Mit diesem Erfahrungswissen, das dank meines Seins im bewussten Feld von Nahizji und dem Holistic Life Home mittlerweile in meine Zellen eingesunken ist, kann ich neuen Herausforderungen und ungewohnten Situationen mit Freude und Neugierde begegnen.

Gott reicht mir die Hand. Danke.

Jiyanh

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